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ELFE 1-6

2.2 Leseverständnis auf Wortniveau

2.2.1 Begriffsbildung

Das Phänomen des Verstehens einzelner Wörter ist eng verwoben mit der Art und Weise, wie wir Begriffe mental organisieren und repräsentieren. Hoffmann (1993, S. 119 ff.) führt zum Thema Begriffsbildung sieben verschiedene Forschungsansätze auf:

  1. Begriffe als Abstraktion klassifizierungsrelevanter Merkmale
    Begriffe werden durch die Abstraktion klassifizierungsrelevanter Merkmale gebildet. Es entsteht eine Merkmalskonfiguration in der alle Merkmale repräsentiert werden, die für den Begriff invariant und spezifisch sind. Die Bildung von Begriffen basiert also auf der lernabhängigen Differenzierung von relevanten und irrelevanten Eigenschaften. Diese Attribute stellen sowohl die hinreichenden als auch notwendigen konstitutiven Eigenschaften eines Begriffs dar. Sie werden als "kritische Merkmale" bezeichnet.

  2. Begriffsbildungsalgorithmen
    Es werden im Laufe des Lernprozesses Gesetzmäßigkeiten abstrahiert, die es erlauben zu entscheiden, ob ein Objekt eindeutig zu einem Begriff gehört, oder nicht. In der Regel geschieht dies über die Verknüpfung binärer Eigenschaften mittels Bool'scher Operatoren.

  3. Familienähnlichkeit und Typikalität natürlicher Begriffe
    Die Eigenschaften natürlicher Begriffe folgen in der Regel nicht dem Alles-oder-Nichts-Prinzip. Objekte gehören oftmals mehr oder weniger einem bestimmten Begriff an. Aus diesem Grund wurde vorgeschlagen, dass Begriffe unscharfe Mengen von Objekten sind. Objekte, die zu einem Begriff gehören, sind sich ähnlicher als die Objekte verschiedener Begriffe. Es gibt keine relevanten und irrelevanten Eigenschaften, sondern vielmehr Merkmale, die sich in ihrer Relevanz graduell unterscheiden.

  4. Begriffe als Merkmalsmengen
    Anders als unter dem Punkt 1. aufgeführt wird hier die Unterscheidung zwischen relevanten und irrelevanten Merkmalen aufgehoben. Statt Merkmalsverknüpfungen müssen Begriffe hinreichend viele Merkmale mit hinlänglicher Relevanz aufweisen.

  5. Begriffe als Prototypen
    Begriffe sind gemäß diesem Forschungsansatz als Prototypen gespeichert, die aus der alltäglichen Erfahrung abstrahiert werden. Die Familienähnlichkeit von Objekten ergibt sich aus ihrer Ähnlichkeit zum gemeinsamen Prototyp.

  6. Begriffe als Menge der erlebten Beispiele
    Bei der Ermittlung der Zugehörigkeit eines Objektes zu einem Begriff wird dieses zunächst mit allen gespeicherten Exemplaren verglichen. Der Vergleich ruft bei den verschiedenen Exemplaren ein "Echo" hervor und das Objekt wird demjenigen Exemplar zugeordnet, das mit dem stärksten Echo antwortet.

  7. Begriffsbildung in konnektionistischen Netzwerken
    Wie bereits im Kapitel zum Aktivations-Model beschrieben, besteht ein konnektionistisches Netzwerk aus Eingangs- und Ausgangsknoten, die durch eine Schicht von "hidden Units" miteinander verknüpft sind. Die Lernerfahrung spiegelt sich in den Gewichten der Verknüpfungen zwischen den Knoten mit den "hidden Units" wieder. Eine spezielle Aktivitätskonfiguration in den Eingangsknoten führt zu einem Aktivitätsmuster in den Ausgangsknoten, welches die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Begriff symbolisiert.

Im derzeitigen "Standardmodell der Wortbedeutung" (Anderson & Nagy, 1991) wird davon ausgegangen, dass Wortbedeutungen als Mengen kritischer - also notwendiger und hinreichender - Eigenschaften beschrieben werden können. Trotz vieler Kritikpunkte und obwohl praktisch alle theoretischen Ableitungen aus dieser Theorie angefochten werden können, entspricht nach Anderson und Nagy also die unter 1.) beschriebene Theorie dem momentanen Konsensus unter den Forschern:

"[Dissatisfaction] with the standard model is perhaps the most accurate representation of the current consensus. That is, scholars concerned with word meanings concur in their rejection of aspects of the standard model, but not on any model to replace it. ... To some extend, the standard model we define comes close to reflecting a commonsense view of word meaning that forms the implicit basis for much of the thinking that is done about word meanings, especially in applied areas such as reading and vocabulary instruction." (Anderson & Nagy 1991).

Kritikpunkte lassen sich bereits an den fundamentalen Eigenschaften des Modells anbringen. Es gibt bei den allermeisten Begriffen keine einzige Eigenschaft, die sowohl hinreichend als auch notwendig wäre. Betrachten wir z.B. den Begriff Rotkehlchen. Dieser setzt sich aus weiteren, elementareren Begriffen, wie z.B. "Vogel", "kann fliegen", "roter Hals" und "singt" zusammen. Mit anderen Vögeln teilt das Rotkehlchen die Eigenschaft, dass es fliegen kann. Dennoch kann "kann fliegen" kein hinreichendes Merkmal sein, da es sehr viele Vogelarten gibt, die im Gegensatz zum Rotkehlchen nicht fliegen können, wie z.B Pinguine oder dem neuseeländischen Kakapoo. Genauso würden wir ein Rotkehlchen dennoch als Rotkehlchen erkennen, wenn es z.B. aufgrund eines gebrochenen Flügels nicht fliegen kann. Die Eigenschaft "roter Hals" hingegen unterscheidet das Rotkehlchen zwar von Raben, Bussarden und Spatzen, nicht aber vom Erdbeerhäubchen (einer Papageienart) oder von Oskar Lafontaine. "Singt" ist eine Eigenschaft, die das Rotkehlchen von Raubvögeln unterscheidet; es teilt diese Eigenschaft allerdings auch mit Placido Domingo. Und obwohl sicherlich die meisten Rotkehlchen in der Lage sind zu singen, und dies auch v.a. im Frühling intensiv praktizieren, würden wir dennoch auch ein still auf einem Ast sitzendes Rotkehlchen problemlos als solches klassifizieren können. Das skizzierte Problem wird weiter dadurch verschärft, dass die potentiellen Merkmalslisten eines Begriffs wiederum Begriffe enthalten, die auf gleiche Art und Weise zerlegt werden können. Die Erstellung von Listen kritischer Merkmale ist bei vielen Begriffen entweder gar nicht oder nur sehr schwer möglich.

Das Standardmodell stößt weiterhin an seine Grenzen, wenn es um die Erklärung der Variabilität von Bedeutungen in Abhängigkeit des Kontextes geht (Anderson & Nagy, 1991). So kann beispielsweise der Begriff "Bank" so vielfältige Bedeutungen wie "Sitzgelegenheit", "Geldinstitut" oder "seichte Wasserstelle (Sandbank)" haben. Die Bedeutung des jeweiligen Begriffs hängt hierbei maßgeblich vom Bedeutungsinhalt der umgebenden Wörter und Sätze ab. Darüber hinaus können Wörter auch übertragene Bedeutungen haben, z.B. wenn sie im Rahmen von Redewendungen auftreten. Ob diese festgefügten verbalen Ausdrücke aus Sicht der Begriffsbildung wie ein einzelnes Wort anzusehen sind, muss stark bezweifelt werden (Anderson & Nagy, 1991).

Ein weiterer großer Kritikpunkt liegt m.E. darin, dass das Modell nicht erklärt, auf welche Weise ein Begriff mit dem lautsprachlichen oder graphemischen Muster assoziiert ist. Anderson und Nagy (1991) postulieren am Rande, dass sich durch das Erkennen eines Wortes dessen Bedeutung unmittelbar erschließt, ohne jedoch zu spezifizieren, auf welche Weise dies geschieht. Sie sind jedoch der Ansicht, dass trotz der genannten Schwächen keine Alternative zum Standardmodell existiert. Dieser Meinung kann ich mich nicht anschließen, sondern möchte stattdessen auf den Standpunkt von Hoffmann (1991, S. 132) verweisen. Dieser sieht in Netzwerken mit verdeckten Einheiten - wie beispielsweise dem Aktivationsmodell von McClelland und Rumelhart (1981) gegenwärtig die vollständigste Abbildungsmöglichkeit natürlicher Begriffe (siehe auch Balota, 1990). Zwar beschränkt sich die Computersimulation des aus dem Aktivationsmodell abgeleiteten PDP-Modells (Seidenberg & McClelland, 1989) bislang auf die reine Worterkennung, doch ist im eigentlichen Ansatz die Verknüpfung der Ausgangsknoten des Worterkennungsmoduls mit dem semantischen Netzwerk vorgesehen. Die Aktivierung könnte sich somit ausbreiten und unmittelbar die im semantischen Netz gespeicherten Bedeutungsinhalte aktivieren. Aufgrund der zwischengeschalteten Schicht verdeckter Einheiten wären auf diese Weise nicht-lineare Verknüpfungen möglich, die auch die Bedeutungsfacetten sowie übertragenen Bedeutungen eines Wortes berücksichtigen könnten.

Dies würde implizieren, dass bei Zugrundelegung des DRC-Modells (Coltheart, Curtis Atkins & Haller, 1993 ) die Erkennung einer Wortbedeutung mithilfe des seriellen Erlesens des Wortes über die indirekte Route nicht oder nur über Umwegen möglich ist - eine Tatsache, die von vielen Didaktikern geteilt wird (siehe z.B. Reichen, 1990).

Darüber hinaus stellt die Forschung auf dem Gebiet des subliminalen Primings die strenge serielle Abfolge von Erkennung eines Wortes in seiner lautsprachlichen Struktur und anschließender Ermittlung der Bedeutung in Frage (Balota, 1990). Wird beispielsweise zunächst das Wort "Katze" subliminal (inklusive anschließender Maskierung) dargeboten, so kann eine Versuchsperson kurz danach das Wort "Hund" schneller identifizieren. Wird hingegen zunächst "Stift" geprimt, so kommt es zu keiner Geschwindigkeitszunahme. Die Person aktiviert also Begriffe und Assoziationen, obwohl sie weder in der Lage ist, das Wort bewusst zu erkennen, noch die lautliche Struktur zu erfassen. Dieser Befund legt nahe, dass ein früher, prälexikalischer Zugriff auf die Bedeutung eines geschriebenen Wortes möglich ist, selbst wenn der visuelle Stimulus nicht bewusst analysiert werden kann.




2.2.2 Der Einfluss von Bedeutung und Kontext auf die Worterkennung

Die Identifikation von Buchstaben innerhalb von tachioskopisch dargebotenen Buchstabengruppen ist - wie in Kapitel 2.1 beschrieben - wesentlich erleichtert, wenn die Buchstabengruppe ein sinnvolles Wort ergibt. Balota (1990) berichtet von Experimenten, die sich dieses Wortüberlegenheitseffekts bedienen und darauf hindeuten, dass Wortbedeutungen basale Prozesse der Worterkennung beeinflussen. Verschiedene Forschergruppen präsentierten ihren Versuchspersonen Pseudowörter bzw. Wörter, deren Sinn nicht bekannt war und maßen die Erkennungsleistung für Einzelbuchstaben bei tachioskopischer Darbietung. Im Anschluss an diese erste Experimentalphase wurde der einen Hälfte der Pseudowörter eine willkürliche Bedeutung zugewiesen und das Experiment wiederholt. Der Wortüberlegenheitseffekt trat nun auch bei diesen Wörtern auf.

Betrachtet man den Einfluss des Kontext auf die Worterkennung, so muss zunächst eine wichtige Unterscheidung hinsichtlich der Art und Weise der Wirkung getroffen werden (Oakhill & Garnham, 1989, S. 84): Zum einen könnte der Kontext vom Leser zur Korrektur bzw. Vermeidung von Lesefehlern herangezogen werden, zum anderen wäre eine Beschleunigung der Worterkennung durch Voraktivierung ähnlicher Bedeutungsinhalte denkbar. Leider sind die empirischen Befunde auf diesem Gebiet nicht eindeutig. Zwar können erfahrenere Leser leichter den Kontext heranziehen, um Vorhersagen über das nächste auftretende Wort zu machen sowie Lesefehler zu korrigieren, dennoch greifen sie scheinbar relativ selten auf diese Fähigkeit zurück, so Oakhill und Garnham. Als gesichert gilt, dass die Einbettung von Wörtern in kongruenten Kontext im Vergleich zur isolierten Darbietung von Wörtern ohne jeglichen Kontext zur Beschleunigung der Worterkennung führt. Inkongruenter Kontext führt hingegen mutmaßlich nur bei Kindern zur Verlangsamung der Erkennungsgeschwindigkeit, nicht jedoch bei Erwachsenen.



2.2.3 Zusammenfassung

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Lesevorgang bereits auf Wortniveau nicht ausschließlich ein Bottom-Up-Prozess ist und nur von basalen Verarbeitungsmechanismen abhängt. Stattdessen spielen Top-Down-Prozesse sehr wohl eine bedeutende Rolle.




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