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ELFE 1-6

1. Einleitung




"Ein ritter sô gelêret was
daz er an den buochen las
swaz er dar an geschriben vant;
der was Hartman genant,
dienstman was er ze Ouwe."

(Hartmann von Aue, 1195,
zitiert nach Mettke, 1974, S. 9)
Übersetzung:

"Ein Ritter war so gelehrt, dass er alles las, was er in Büchern geschrieben fand. Dieser Ritter wurde Hartmann genannt, und war Dienstmann in Aue." (freie Übersetzung des Autors)

Mit seinem Werk "Der arme Heinrich" schuf der Dichter Hartmann von Aue 1195 "die klassische Novelle des Hochfeudalismus", so Mettke (1974, S. 1). Interessanterweise lobt von Aue zu Beginn seines Werkes seine außergewöhnliche Gelehrsamkeit. Er stellt heraus, dass er selbst sogar im Buche lese, obwohl er ein Ritter sei.

Ein solches Selbstlob wäre heutzutage völlig unbegründet, denn Lesen und Schreiben gehören in den industrialisierten Ländern zu den selbstverständlichen kulturellen Fähigkeiten. Kaum ein Erwachsener verfügt hierzulande nicht zumindest über rudimentäre Formen dieser Techniken (Klicpera & Gasteiger-Klicpera, 1995, S. 4). Um Hartmann von Aues Zitat besser zu verstehen, muss man sich die Tatsache bewusst machen, dass die Beherrschung der Kulturtechniken des Lesens und Schreibens in der Epoche des Mittelalters außergewöhnlich war. Schrift galt zu dieser Zeit als Inbegriff der Wahrheit. Das oben genannte Zitat hat in diesem Sinne etwa die Bedeutung: "Das was ich nun berichten werde ist wirklich wahr. Ich habe es selbst gelesen!".

Sogar Dichter und Minnesänger waren oft der Schriftsprache nicht mächtig. So existieren z.B. von Walther von der Vogelweide keine eigenen Aufzeichnungen, ja nicht einmal schriftliche Belege für dessen Existenz (Lindner, 1968, S. 47). Hugo von Trimmberg schrieb um 1300 über ihn: "Her Walther von der Vogelweide, swer dez vergaeze, der taet mir leide" (Hugo von Trimmberg, zitiert nach Lindner, 1968, S. 47). Alle seine Werke wurden mündlich überliefert und erst später von anderen niedergeschrieben.

"Lesen und Schreiben waren lange Zeit einem kleinen Teil der Bevölkerung vorbehalten gewesen, erst die Erfindung des Buchdrucks schuf die materielle Basis für eine breitere Zugänglichkeit der Schrift" (Klicpera & Gasteiger-Klicpera, 1995, S. 4). In unserem Sprachraum ist die Verbreitung der Schriftsprache eng verbunden mit der Reformation und deren Verweis auf die Bibel als Quelle der Wahrheit, so Klicpera und  Gasteiger-Klicpera.

Ein weiterer Beleg für die eher junge Natur des herausragenden Stellenwerts des Lesens und Schreibens in unserer Gesellschaft ist die Tatsache, dass vom ersten Zeugnis deutscher Sprache im 8. Jahrhundert bis zur Schaffung eines verbindlichen Regelwerkes der deutschen Orthographie 1901 elf Jahrhunderte vergingen (Niederhauser, 1995). So scheint z.B. auch Goethe von einer einheitlichen Schreibweise nicht viel gehalten zu haben: "Ein Wort schreibe ich mit dreierlei Orthographie, und was die Unarten alle sein mögen, deren ich mir sehr wohl bewusst bin und gegen die ich auch nur im äußersten Notfall zu kämpfen mich überwinde" (Goethe, zitiert nach Niederhauser, 1995).

Praktisch jeder Mensch wird heute in unserem Kulturkreis mit schriftlichem Material konfrontiert. Durchschnittlich verbringt in unserem Kulturkreis jeder Erwachsene täglich 2½ Stunden mit Lesen, vor allem im Rahmen des Berufs. Ca. 90% aller Arbeitsplätze setzen den Umgang mit schriftlichem Material voraus, so Klicpera und Gasteiger-Klicpera (1995, S. 5). In erster Linie handelt es sich hierbei in Bezug auf das Lesen nicht um einen mechanischen Umgang mit Buchstabenfolgen, sondern um sinnentnehmendes, verstehendes Lesen.

Während der Lesesozialisation, die bereits lange vor dem schulischen Unterricht einsetzt, durchlaufen Kinder vom Beginn des Schriftspracherwerbs bis zur zielorientierten Nutzung von Texten einen Entwicklungsprozess, der das komplexe Zusammenspiel verschiedenster Teilfähigkeiten erfordert (Artelt, Stanat, Schneider & Schiefele, 2001). Das Kind muss hierzu nicht nur neue, komplexe Fähigkeiten erwerben, sondern diese auch mit bereits erworbenen sprachlichen Fertigkeiten vernetzten. Im folgenden Abschnitt werden zunächst die Teilprozesse beleuchtet, deren Zusammenspiel bedeutungsentnehmendes Lesen ermöglicht. Das daran anschließende Kapitel thematisiert entwicklungspsychologische Modellvorstellungen über den Erwerb von Leseverständnisfähigkeiten.




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